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90 Jahre Hanwag: Joseph Wagner im Interview

Der Meister: Joseph Wagner im Unruhestand. | Foto: Hanwag
Joseph Wagner ist ein Original. Bis 2004 lenkte er die Geschicke der bayerischen Marke Hanwag, die so alt ist wie er selbst. Auch mit 90 Jahren ist der Berg- und Wanderschuhmacher täglich in der Produktion. Nur nicht am Donnerstag – da spielt er Tennis.

4-Seasons: Seit der Firmengründung 1921 produziert Hanwag in Vierkirchen in Oberbayern. War der Standort nie gefährdet?

Joseph Wagner: Niemals. Früher war Vierkirchen ja ein reines Bauerndorf. Da gab es kein Haus, in dem nicht mindestens eine Kuh stand. Aber schon in den 1920er-Jahren sind hier im Umkreis 13 Schuhfabriken entstanden. Hanwag hatte seine Nische bald im Alpinbereich gefunden, so haben wir auch die Nachkriegszeit gut überstanden, als die modischen und preisgünstigen Schuhe aus Italien auf den deutschen Markt kamen. Und man darf nicht vergessen: Von den 188 Schuhfabriken, die es 1948 in Bayern gab, sind nur 16 übrig geblieben.

 

Das Meisterstück: der »Omega« im alpinen Gelände. | Foto: Joachim Stark

Seit 2004 gehört Hanwag zu Fjällräven. Wollten die Schweden keine eigene Schuhproduktion aufbauen?

Sie hatten es versucht, das erste Mal in China und dann in Schweden. Aber wenn du so etwas nicht von Grund auf machst, kannst du es gleich vergessen. So ein Bergschuh besteht aus 160 Teilen. Wenn man verschiedene Größen macht und nur ein Teil vertauscht, funktioniert der Schuh nicht mehr. So was kannst du nicht kopieren.

 

Dabei entstehen auch Hanwag-Schuhe nicht nur in Deutschland.

Nein, wir produzieren noch etwa 20 Prozent bei uns – die ganz hochwertigen, schweren Alpin- und Trekkingschuhe. Der Rest der Kollektion wird in Kroatien gefertigt. 1992 haben wir dort eine Fabrik mit sehr gut ausgebildeten Fachleuten übernommen. Wir liefern die Maschinen und das Material, sie produzieren die Schuhe – und zwar absolut auf unserem Niveau.

 

Sie haben Ihre Schuhmacherlehre im Jahr 1936 begonnen. Wie war das damals?

Einen zwiegenähten Schuh zu machen, war echte Sklavenarbeit: Schaft über den Leisten zwicken, dann die Brandsohle, das Futter, das Oberleder und den Rahmen mit der Ahle durchstechen. Pro Schuh, Größe 8, musste man etwa 60 Löcher stechen. Als die Maschinen kamen, war das eine enorme Erleichterung. Wir arbeiteten damals übrigens noch nach Auftragseingang: Wenn einer drei Paar Schuhe bestellte, dann wurden halt drei Paar Schuhe gemacht.

 

Und die waren dann richtig bequem?

Na ja, würden wir die Schuhe heute verkaufen, hätten wir lauter Klagen wegen Körperverletzung am Hals. Die Schaftabschlüsse waren ungepolstert. Da hat man Filz hingenäht, dass es einigermaßen erträglich wurde. Die Schuhe waren beinhart, vollkommen steif, und mussten lange eingelaufen werden. Heute nimmt man die Schuhe aus dem Karton, schlüpft rein und läuft los – sechs oder acht Stunden, ohne Probleme.

 

Früher waren Bergschuhe aus einem Stück Leder gefertigt. Heute dominiert Leichtbau mit aufwendigem Materialmix und vielen Nähten – warum?

So ein Paar alter, schwerer Bergschuhe hat drei Kilogramm gewogen. Heute wiegen sie 1600 Gramm und bieten dieselbe Funktion. Und wir haben mehr Möglichkeiten bei der Farbgestaltung. Dabei machen wir immer noch Modelle für den harten Alpin- und Trekkingeinsatz, bei denen die Schäfte wie früher aus einem Stück Leder sind. Wo keine Naht ist, geht auch keine auf. Oft sind Nähte nur Modegags. Aber wer nur zum Nordic Walking rausgeht oder über die Almen wandert, hat mit einem leichten Schuh einfach mehr Spaß.

 

Weniger Gewicht bedeutet auch eine kürzere Lebensdauer, oder?

Die Leute bringen uns Schuhe zur Reparatur, die sind 15 Jahre alt. Da machen wir neue Sohlen drunter. Einen schweren Lederschuh kann man dreimal neu besohlen. Bei den Leichtmodellen geht das nur einmal, denn beim zweiten Mal sind schon die Nähte beschädigt. Aber das ist eben auch eine Frage der Modellgestaltung. Die Zeit ist so schnelllebig. Die Leute wollen öfter neue Schuhe kaufen. Eigentlich bräuchte man diese Vielzahl von Modellen gar nicht.

 

Wie sehen Hanwag-Schuhe in Zukunft aus?

An der Machart werden wir nicht grundsätzlich etwas ändern: Wir zwicken die Schuhe über den Leisten, auch die Halbschuhe. Dadurch hat man auf Dauer einen viel besseren Fersensitz, weil der Schaft nicht nachgibt. Aber vielleicht gibt es bald ein künstliches Material, das wie Leder funktioniert – also Feuchtigkeit aufnimmt und wieder abgibt – und dabei deutlich leichter ist. Das wäre ein großer Schritt nach vorn.

 

4-Seasons Info

Die Geschenkbox zum Jubiläum

Hanwag feiert – und macht Bergsteigern ein Geschenk. Zu seinem 90. Geburtstag stiftet der bayerische Traditionsschuster eine neue Biwakschachtel auf dem Jubiläumsgrat zwischen Zugspitze (2962 m) und Alpspitze (2628 m) über Garmisch-Partenkirchen. Im Juli 2011 wird die Alubox auf 2684 Meter Höhe installiert. Sie ersetzt die alte, in 50 Jahren mürbe gewordene Blechbüchse, die dort oben schon manchem Bergsteiger das Leben gerettet hat. Der Jubiläumsgrat ist heiß begehrt, er wird aber nicht nur wegen seiner Länge – sieben bis neun Stunden Geh- und Kletterzeit, sondern auch wegen der technischen Schwierigkeiten gern unterschätzt: Es handelt sich nicht um einen Klettersteig im eigentlichen Sinn, sondern um eine äußerst luftige Kletterroute, die nur stellenweise mit Sicherungen versehen ist.

 
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