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50 Jahre Mountain Equipment: Wer friert, verliert

Zugspitze – und weiter: Slackline-Pionier Heinz Zak. | Foto: Archiv Mountain Equipment
Dies ist die Geschichte von dem Bordell, dem Hühnerstall und dem Mount Everest. Sie handelt von Männern in dicken Jacken und schwierigen Situationen. Es ist die Geschichte des englischen Bergsportausrüsters Mountain Equipment, der 2011 seinen 50. Geburtstag feiert.
Mit Mountain Equipment auf dem 8.586 m hohen Kangchendzönga. | Foto: Archiv Mountain Equipment

Am 5. Juli 1981 brachen in Xinjiang/China vier englische Bergsteiger von ihrem Basislager auf. Die erste Nacht verbrachten sie in einer Schneehöhle auf 6450 Meter Höhe. Für die zweite Nacht gruben sie eine weitere Höhle, in der sie – das Wetter war schlecht – den ganzen nächsten Tag abwarteten. Am 8. Juli kletterten sie über einen messerscharfen Grat bis an den Fuß der Gipfelpyramide, wo sie sich in engen Spalten zwischen Eis und Schnee, wie in Särgen stehend, einrichteten. In dieser Lage verbrachten sie vier Tage. Sie hatten nicht mehr viel zu essen. Am 12. Juli besserte sich das Wetter, es blieb aber sehr kalt und windig. Sie kletterten auf den noch von keinem Menschen betretenen Gipfel des Kongur, 7649 Meter hoch, unter dem sie sich für die Nacht in den Schnee einbuddelten. Am nächsten Morgen meinten sie, der nordöstliche Gipfel sei etwas höher, darum kletterten sie über den heiklen Grat hinüber. Dort sahen sie, dass der erste Gipfel doch höher war und kletterten zurück. Beim Abstieg mussten sie ein weiteres Mal in einer Schneehöhle biwakiere­n. Dass sie schließlich nach zehn Tagen wohlbehalten im Basis­lager ankamen, zeugte von großem bergsteigerischen Können, von praktischem Stoizismus – und von der richtigen Ausrüstung.

»Britische Bergsteiger gehen auch im übelsten Wetter raus. Dafür machen wir unsere Produkte.« Das sagt Hamish Dunn, Geschäftsführer des Bergsportausrüsters Mountain Equipment (ME), dessen Daunenanzüge und Schlafsäcke die vier Erstbesteiger des Kongur 1981 verwendeten. Damals gehörte das Firmenlogo – ein breites »M«, wie ein Berg mit zwei Gipfeln – längst zum Dresscode an den höchsten und schwierigsten Bergen der Welt. Die Geschichte von Mountain Equipment beginnt aber 20 Jahre zuvo­r, und sie beginnt in einem Bordell.

 

Leistung und Leiden bei Mountain Equipment

Wärme­packung: der Glacier 500. | Foto: Archiv ME

Das frühere Freudenhaus in Manchester, der Industriemetropole im Norde­n Englands, hatte schon bessere Zeiten gesehen. Die Damen stande­n nicht mehr zu Diensten, und Peter Hutchinson, der mit seinem Laden für Bergsportausrüstung in die Räumlichkeiten eingezogen war, kam nur schwer über die Runden. Die paar Leute, die im »Mountaineer« einkauften, waren gute Bekannte und erhielten Rabatt.

1961 sperrte Peter den Bordell-Laden zu, gründete einen neuen Betrieb mit dem nüchternen Namen Mountain Equipment (= Berg­ausrüstung) und zog aufs Land, diesmal in einen ehemaligen Hühnerstall. Dort setzte er fort, was er im »Mountaineer« als Nebenjob begonnen hatte: Er nähte warme Schlafsäcke und Jacken mit Daunenfüllung. Die Kundschaft war nicht groß, aber treu. Und sie wuchs. Damals waren 13 von 14 Achttausendern bestiegen, und die Herausforderungen wandelten sich. Schnell und leicht hieß die Devise: Kleine Teams kletterten schwere Routen an hohen Bergen im »Alpinstil«, das heißt ohne Hochträger und feste Lagerketten. Die Ausrüstung musste ebenso warm wie leicht sein.

Britischer Maßanzug der anderen Art: Don Whillans im ersten ME-Down Suit. | Foto: Archiv ME

Britische Bergsteiger sind berüchtigt für ihre Leistungs- und Leidens­fähigkeit – nicht zuletzt, weil sie vieles mit Understatement tarnen: Auf den Sauerstoffmangel in großer Höhe bereite er sich durch intensive Besuche im heimischen Pub vor, erklärte etwa der berühmte Bergsteiger Don Whillans. Ihm nahm man diesen Spruch ohne Weiteres ab. Don Whillans ging zu Peter Hutchinson und sagte ihm, was er haben wollte. Und Peter nähte den »Down Suit« für die erfolgreiche Expedition zur Annapurna-Südwand anno 1970, die erste schwierige Wanddurchsteigung an einem Achttausender überhaupt.

Auch am höchsten Berg der Erde ermöglichte der revolutionäre Daunen­overall neue Wege: 1975 demonstrierten Doug Scott und Dougal Haston bei der ersten britischen Besteigung des Mount Everest, dass man im ME-Anzug ein Biwak ohne Schlafsack und Zelt auf mehr als 8700 Meter Höhe überleben kann. Drei Jahre später trugen auch Reinhold Messner und Pete­r Habeler das dicke Ding bei ihrer historischen Everest-Besteigung ohne künstlichen Sauerstoff.

 

ME-Gründer Hutchinson erwies sich als präziser Handwerker, allerdings nicht als gewiefter Geschäftsmann. Als die Firma immer größer wurde, wuchs ihm die Sache über den Kopf, er zog sich Stück für Stück zurück und verkaufte 1991 schließlich seine letzten Firmenanteile.

Wer mehr wilde Geschichte­n aus der legendären Hutchinson-Ära lesen will, dem sei der aktuell­e ME-Katalog empfohlen – bestellen, downloaden oder online blättern unter www.mountain-equipment.de.

 

Wer hat Lifestyle gesagt?

8000er auch im Namen: das Cho Oyu Jacket. | Foto: Archiv ME

2011 ist Ausrüstung von ME noch immer erste Wahl für harte Touren, war bei über 100 Everest-Expeditionen dabei, bei sämtlichen britischen 8000er-Trips und natürlich auch bei Touren zu Nord- und Südpol. Seit acht Jahren gehört ME zur Bollin Group, einem traditionellen englischen Familien­unternehmen. Der Firmensitz ist nach wie vor in Hyde nahe Mancheste­r – wenn auch nicht mehr in einem Hühnerstall. Was vor einem halben Jahrhundert mit einer Handvoll Bergsteiger begann, die Aus­rüstung für sich und ihre Freunde nähten, ist heute immer noch eine überschaubare Firma mit 30 Mitarbeitern. Hamish Dunn, der Chef, sagt: »Wir haben keinen Druck, unse­r Sortiment in viele Richtungen auszudehnen. Andere mögen mit Lifestyle größer und größer werden, wir wachsen in unserem alpinen Kernsegment auch.«

Die einzigen »Lifestyle«-Produkte von ME, wenn man sie so nennen will, sind T-Shirts aus Biobaumwolle und modische Klettertops. Ansonsten biete­t das Sortiment pure Funktion und schnörkelloses Design: Baselayer, Softshells, Hosen zum Bouldern und Bergsteigen, Handschuhe und Mütze­n, Zelte und Biwaksäcke – vor allem aber, wie von Beginn an, Schlafsäcke und Daunenjacken. Die leichten Wärmespender mögen heute nicht viel anders aussehen als früher, aber was ME im Lauf der letzten 50 Jahre in die Entwicklungsarbeit investiert hat, zeigt sich beim Blick auf die Details, auf raffinierte Konstruktionen und Hightech-Bezugsstoffe wie Drilit­e: Das feine Nylongewebe mit der wasserdichten und extrem dampfdurchlässigen PU-Beschichtung steigert die Funktionalität von feuch­tig­keits­empfindlichen Daunenfüllungen enorm – in der klassischen »Annapurna«-Daunenjacke ebenso wie in den Schlafsäcken der »Glacier«- und »Extreme«-Serie. Kompetenz und Verantwortung in Sachen Daune unterstreicht ME auch durch den Down Codex (siehe Kasten unten).

Aber die Engländer können auch klassische Wetterschutzbekleidung ohne Isolierung: Schon 1977 brachten sie die erste Jacke mit der damals ganz neuen Gore-Tex-Membran auf den Markt. Seither haben sie einen Stammplatz in der ersten Reihe der Gore-Konfektionäre.

 

»Alex, halt‘s Maul!«

Im Zeichen des »M«: Big-Wall-Ikone Thomas Tivadar ...

»Der Outdoor-Kuchen ist sehr groß, aber wir wollen gar kein eigenes Stück davon. Uns genügt die Kirsche obendrauf.« Das sagt Tom Strobl, der 1988 den ME-Vertrieb für den deutschsprachigen Raum übernahm. Wobei er mit dem »wir« ausdrückt, dass seine Firma Invia – idyllisch im Isartal südlich von München gelegen – die Teile nicht nur auf den Markt bringt, sondern auch in die Produktentwicklung eingebunden ist. So wie im Jahr 2004, als der Kletter- und Fotogroßmeister Heinz Zak zuerst Tom Strobl für das Slack­lining begeisterte und dieser danach seine Engländer. 2005 hatte ME dann das erste von Heinz Zak entwickelte Slackline-Set im Sortiment.

Invia-Chef Tom Strobl ...

Dass ME mittlerweile 60 Prozent seiner weltweiten Schlafsack­produktion im deutschsprachigen Raum verkauft, ist ebenfalls Tom Strobl zu verdanken. Von Anfang an setzte er auf die Förderung talentierter Nachwuchsbergsteiger. Zu diesen zählte auch jener junge Mann, der eines Tages Ende der 80er-Jahre fast schüchtern über den Hof aufs Büro zuging. Firmenhun­d Alex schoss aus der Tür und stellte den Eindringling. Großer Lärm. »Alex, halt’s Maul!«, donnerte die Hundehalterin, Toms Schwester. Der junge Mann schaute ganz betreten: Er hieß Alexander Huber.

und die DAV-Jungstars Reini Hones und Felix Sattelberger. | Foto: Archiv ME

Auch Eiskletterqueen Ines Papert gehörte am Anfang ihrer Profikarriere zum Team. ME rüstet darüber hinaus den DAV-Expeditionskader aus, die Talentschmiede für alpine High Potentials. Eben erst wurde ein Frauenkader gegründet, den ME ebenfalls unterstützt. Auch die Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV) hat ME als offiziellen Ausrüstungspartner gewählt, das 80-köpfige Lehrteam unterrichtet die rund 4000 Jugend­leiter bundesweit im ME-Outfit.

Profis und Amateure, sie alle tragen mit dem »M« auf ihren Jacken und Schlafsäcken eine Botschaft ins Gebirge, die weder englisch noch deutsch ist, sondern universal: Bergsteigen ist kein Lifestyle. Es ist ein Lebensstil.

 
4-Seasons Info
 

Beste Daune – warm, weich und nachhaltig

 

Mit 50 Jahren Erfahrung zählt Mountain Equipment zu den weltbesten Daunen-Spezialisten – und übernimmt Verantwortun­g für deren Herkunft. Seit 2008 arbeite­t ME mit dem unabhängigen »Daunen-TÜV« IDFL (Internationa­l Down and Feather Laborator­y) an der Umsetzung des »Down Codex«. Die Kernvorgaben:

  • Die Daunen sind ohne Ausnahme Nebenprodukte der Nahrungs­mittelproduktion.
  • Die Gänse und Enten leben in artgerechter Umgebung mit frischem Wasser und natürlicher Nahrung. Es findet keine Zwangsmästung statt.
  • Lebend-Rupf ist tabu.
  • Harvesting, das Auskämmen der Daunen während der natürlichen Mauser, ist ebenfalls verboten. Korrektes Harvesting ist für die Tiere zwar schmerzfrei, doch ist der Übergang zum Lebend-Rupf fließend und die Produktion kaum kontrollierbar.

Um das alles zu gewährleisten, inspiziert das IDFL regelmäßig und oft auch unangekündigt die gesamte Lieferkett­e (Tierfarmen, Zwischenhändler, Schlafsackproduktion). Hält ein Lieferant den Codex nicht ein, wird ihm gekündigt. Auf diese Weise will ME bis Ende 2011 seinen kompletten Daunenbedarf von zertifizierten Farmen beziehen.

»Trace Your Down« heißt eine weitere ME-Initiative: Ab Winter 2011/12 soll jeder Kunde nachverfolgen können, wo die Daune in Jacke oder Schlafsack herkommt: Gibt man die eingenähte Seriennummer auf der Website ein, erhält man Prüfberichte und zusätzliche Infos. Mehr dazu: www.thedowncodex.me.uk.